Bundesverein Leukodystrophie (BVL e.V.)

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Krankheitsbild

Was heißt Leukodystrophie
Leuko = weiss
dys = schlecht
Trophie = Ernährung

"Weisse Substanz des Gehirns schlecht ernährt" = Stoffwechselstörung der weißen Substanz
Wenn die weiße Substanz des Gehirns oder Rückenmarks erkrankt,

  • wird Myelin (die Isolation der Nervenfasern) zerstört,
  • werden die Nervenströme langsamer fortgeleitet,
  • treten Bewegungsstörungen auf.


Schäden an der weißen Substanz (Myelin-Schäden) werden oft durch die Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) erkannt. Dennoch haben Anamnese (Vorgeschichte der Krankheit) und ärztlicher Untersuchungsbefund größte Bedeutung. Ein auffälliger MRT-Befund sagt noch nicht, dass wirklich eine Leukodystrophie vorliegt. Es gilt jetzt, folgende Möglichkeiten zu erwägen:

Das Myelin selbst ist krank. Hierdurch entstehen zwei ähnliche Gruppen von Krankheiten, die manchmal beide Leukodystrophien genannt werden. Man sollte unterscheiden:

a.) Leukodystrophien im engeren Sinne (Myelin ist nicht stabil und zerfällt)
b.) Ungenügende Bildung von Myelin (auch Hypomyelination genannt). Myelin wird von außen geschädigt. Entzündungen (hierzu gehört z.B. die multiple Sklerose), Infektionen, Vergiftungen, Schäden durch Stoffwechselentgleisungen oder durch physikalische Einwirkungen (hoher Schädelinnendruck, sehr hoher Blutdruck).

Wenn von "Leukodystrophie" gesprochen wird, ergeben sich folgende Fragen:
Wissen die Ärzte genau, wovon sie sprechen? Es ist nicht ehrenrührig, wenn sie das zunächst nicht ganz genau wissen, denn es gibt sehr viele unterschiedliche leukodystrophieartige Krankheiten. Die Ärzte sollten aber zu erkennen geben, dass sie sich um spezifische Information bemühen. Wenn geklärt ist, um welche Krankheit es sich genau handelt, muss gefragt werden:

Was bedeutet die Krankheit
für mich? für mein Kind? für meine Familie?

Auch für diese Fragen ist oft eine Beratung unter Spezialisten erforderlich.

Fortschritte auf dem Gebiet der Leukodystrophien sind gegenwärtig auf folgenden Gebieten zu verzeichnen:
1. Diagnostik, durch Verbesserung besonders von molekulargenetischen Techniken, wodurch die Erkennung seltenerer Formen von Leukodystrophien erleichtert wird;

2. Unklare Leukodystrophien werden zunehmed "klassifiziert" und damit der weiteren Aufklärung zugänglich;

3. Krankheitsmechanismen werden aufgeklärt, was die Voraussetzung zur Entwicklung von Behandlungsmöglichkeiten ist;

4. Erfolgreiche Tierversuche zur Neubildung von Myelin holen diese Möglichkeit aus dem Bereich der Utopien.

Seit einigen Monaten haben sich in Deutschland die Möglichkeiten der molekulargenetischen Diagnostik bei Krankheiten mit Verdacht auf Pelizaeus-Merzbacher-Krankheit (eine der Krankheiten mit ungenügender Bildung von Myelin) stark verbessert. Aus dem humangenetischen Institut der Universität Hamburg erhielten wir folgende Übersicht über die in den letzten Monaten erhobenen Befunde an Blutproben von entsprechenden Patienten.

Krankheitsbild

Zahl der untersuchten Patienten

Gefunde Mutation ** im Gen f. d.
Proteolipidprotein (PLP) des Myelin

Pelizaeus-Merzbacher artiges Bild

25

 

Familiäre Fälle

8

8

Sporadische Fälle *

17

6

Spastische Paraplegie

7

 

Familiäre Fälle

3

1

Sporadische Fälle *

4

1

Insgesamt

32

16

* d.h. ohne ähnliche Fälle in der Familie
** Gefunden wurden Duplikationen, Deletionen und Punktmutationen

Wenn eine leukodystrophieartige Krankheit nach allen Regeln der medizinischen Wissenschaft untersucht worden ist und sie nicht einer bekannten Krankheit zugeordnet werden kann, spricht man von einer unklassifizierten (unklaren) Leukodystrophie. Es gibt mehr unklare als klare Leukodystrophien! In solchen Fällen ist zu fragen:

Hat der Patient wirklich eine Leukodystrophie? Sind alle bekannten Formen von Leukodystrophien ausgeschlossen?

Meist ist jetzt eine Beratung mit anderen Experten angebracht. Um dies zu erleichtern, hat sich eine Projektgruppe "unklassifizierte Leukodystrophien" gebildet, bei der unklare Fälle zur Diskussion gestellt werden können. Die Kontaktadressen lauten:

Prof. Dr. Jutta Gärtner
Georg-August-Universität-Göttingen
Kinderklinik und Poliklinik
Robert-Koch-Str. 40
37075 Göttingen
gaertnj.@med.uni-goettingen.de
paediatrie2@med.uni-goettingen.de

Prof Dr. Alfried Kohlschütter
Klinik für Kinder und Jugendmedizin,
Universität Hamburg
Martinistrasse 52
20246 Hamburg
Telefon: 040-42803-3729
Telefax: 040-42803-5137
kohlschuetter@uke.uni-hamburg.de

Myelin, die Isolationsschicht der Nervenfasern, hat einen komplizierten Aufbau. Um zu verstehen, warum Myelin instabil werden und zerfallen kann, muss man seine Bestandteile sehr gut kennen .

Eines unserer Ziele muss darum bestehen, Wissenschaftler aus der Grundlagenforschung zu motivieren, dass sie ihre Kräfte vermehrt für menschliche Krankheiten einsetzen. Viele fähige Wissen,chaftler arbeiten mit leukodystrophienkranken Tieren, meist mit Mäusen. Um solche Forscher zu veranlassen, auch kranke Menschen zu studieren, müssen zunächst Patienten mit gleichartigen Crankheitsbildern gesucht werden. Erst dadurch wird es möglich, durch Familienstudien nach dem fehlerhaften Gen zu suchen und schließlich den Krankheitsmechanismuls zu vestehen. Dies wiederum ist die Voraussetzung zur Entwicklung von Therapien.

In der Zwischenzeit kann von den Mäusen viel gelernt werden. Schon heute sind Parallelen zwischen den Myelinkrankheiten von Mäusen und denjenigen von Menschen bekannt.

Myelin-Gene und Myelin-Krankheiten bei Maus und Mensch (nach Scherer 1997)

Gen

Myelin in Gehirn u. Rückenmark

Myelin in peripheren Nerven

Mäuse Krankheit

Menschliche Krankheit

PLP

+

 

Jimpy-Maus
Knockout-Maus

Pelizaeus Merzbacher Krankheit

Hereditäre spastische Parapares

MBP

+

+

Shiverer-Maus

?

PMP22

 

+

Trembler-Maus

Knockout-Maus

Charcot-Marie-Tooth-Krankheit

Neigung zur Drucklähmung

P0

 

+

Knockout-Maus

Dejerine-Sottas-Krankheit

Cx32

+

+

Knockout-Maus

Charcot-Marie-Tooth-Krankheit

(Geschlechtsgebundene Form)

MAG

+

+

 

?

CGT

+

+

Knockout-Maus

?

Eine besonders spannende Arbeit erschien in der Zeitschrift SCIENCE (Brüstle et al., Band 285, Seiten 7546, 1999): Eine Gruppe von Forschern studierte Ratten, die kein Myelin bilden konnten. (Sie stellen damit ein Tiermodell der Pelizaeus-Merzbacher-Krankheit beim Menschen dar). Diese Ratten erhielten Zellen ins Rückenmark eingespritzt, die von Mäuse Embryonen gewonnen waren. Die eingespritzen Zellen wandelten sich um in myelinbildende Zellen und begannen, die "nackten" Nervenfasern der Ratten mit regelrecht gebautem Myelin zu umgeben. Wenn die Anwendung solcher Verfahren beim Menschen auch noch weit entfernt sein dürfte, so ist noch ein Weg zum Ersatz von fehlendem Myelin gezeigt, den man vor kurzem nicht für möglich hielt.

Aus einem Vortrag von Alfried Kohlschütter,
Klinik für Kinder und Jugendmedizin der Universität Hamburg

Forschungsschwerpunkt "Unklare Leukodystrophien"

Krankheitsbild Leukodystrophie
Leukodystrophien sind genetisch bedingte Erkrankungen, das heisst sie sind vererbbar. Häufig sind mehrere Familienmitglieder generationsübergreifend betroffen.

Die Krankheit in ihren verschiedenen Formen führt zu einer fortschreitenden Zerstörung der Nervenumhüllungen (Myelin) im Gehirn, Rückenmark und Nerven mit der Folge von schweren neurologischen oder psychischen Störungen. Die Symptome sind vielfältig und werden oft, z.B. als Multiple Sklerose verkannt. Die Dunkelziffer von Leukodystrophie-Erkrankungen ist hoch. Eine Heilung ist in vielen Fällen nicht möglich. Bei einigen Erkrankten ist der Krankheitsverlauf durch eine Diät, bei anderen durch eine Knochenmarktransplantation beeinflussbar.

Bislang sind mindestens zehn verschiedene Leukodystrophien bekannt (siehe Tabelle), einige Formen können bis heute nicht richtig eingeordnet werden.

Krankheit

Betroffene

Labor-Diagnose möglich?

Therapie möglich?

X-Chromosomale Adrenoleukodystrophie

(X-ALD)

Adrenomyeloneuropathie (AMN)

Kinder, Jugendliche, Erwachsene

ja

vielleicht Lorenzos Öl, Knochenmarktransplnatation

Neontale Adrenoleukodystrophie (nALD)

Kinder

ja

nein

Zellweger Syndrom

Kinder

ja

nein

Infantiles Refsum Syndrom

Kinder

ja

nein

Morbus Canavan

Kinder

ja

vielleicht Gentherapie

Morbus Alexander

Kinder

ja

nein

Morbus Krabbe

Kinder, Jugendliche, Erwachsene

ja

vielleicht Knochenmarktransplantation

Metachromatische Leukodystrophie

Kinder, Jugendliche, Erwachsene

ja

vielleicht Knochenmarktransplantation

Morbus
Pelizaeus-Merzbacher

Kinder, Jugendliche, Erwachsene

ja

nein

Cerebrotendinöse Xanthomatose

Kinder, Jugendliche, Erwachsene

ja

ja
Chenodesoxycholsäure

Diagnose Leukodystrophie
Ergibt sich bei der neurologischen Untersuchung der Verdacht auf eine Leukodystrophie sind immer weitere Untersuchungen notwendig. Zur Sicherung der Diagnose können heute bei vielen Leukodystrophien bereits vor der Geburt biochemische oder molekulargenetische Methoden eingesetzt werden; trotzdem gelingt nicht immer eine genaue Einordnung der Erkrankung.

Die Diagnosestellung kann schwierig sein, spezielle Behandlungszentren werden gebraucht für die

  • gezielte Diagnostik
  • sachkundige Beratung und Betreuung im Krankheitsverlauf
  • Therapie, z.B. Lorenzo Öl Therapie, Knochenmarktransplantation
  • genetische Beratung, ggf. vorgeburtliche Diagnostik
  • wissenschaftliche Erforschung neuer Behandlungsmethoden


Der BVL e.V. und die Mitglieder seines medizinisch-wissenschaftlichen Beirats geben Ihnen gerne weitere Auskünfte.

06 Mrz 2010

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